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Archive for Oktober 2017

Generation „Lifehack“

Als Kräuterhexe bin ich oft „offline“. Nicht nur, weil ich irgendwo in Funklochgebieten wandere, sondern auch aus Überzeugung. Offline zu sein, ist heutzutage Luxus – notwendiger Luxus! Wer jetzt glaubt, das wäre ein Thema, das nur der Jugend ans Herz zu legen wäre, der irrt! Gerade diesen Sommer wurde ich immer wieder von Freundinnen mit erhobenem Zeigefinger gemahnt, dass ich nicht erreichbar gewesen sei. Wenn ich mein Handy wieder anstellte, sah ich es dann auch: Die verschiedenen Versuche, mich mobil, über Messenger, oder über das Festnetz zu erreichen. Mehrfach am Tag. Es ging meist um banale Dinge. Wenn ich nicht innerhalb einer Stunde antwortete, wurde ich mit Nachrichten überschüttet. Eine Stunde! Wenn ich mich im Urlaub gar für zwei Tage ausklinkte, wurde mir mit Vermisstenanzeige gedroht.

 

Es ist wichtig, einfach mal „nicht da“ sein zu dürfen. Das ist jetzt mal ein „Lifehack“ von mir. Wobei wir beim Thema sind. Unser urdeutscher „Ratschlag“ fristet inzwischen sein Dasein in der „No Go“-Kiste. Weil Ratschläge eben auch Schläge sind, wie man mittlerweile sagt. Auch Tipps von Oma sind ein alter Hut. Heute gibt es sogenannte „Lifehacks“. Meist für das Offline-Leben. Nun, da mag ich meinem alten Ratschlag hinterhertrauern, zumindest scheint die Jugend nun „Lifehacks“ anzunehmen. Gebt das doch mal bei Google ein! Tatsächlich finden sich hier auch ein paar wirklich gute Tipps, oder sollte ich sagen „Hints“?

Die Mehrzahl der „genialen“ Lifehacks ist allerdings recht banal. Das, so bildete ich mir ein, bekommt doch jeder mit, der nicht mit geschlossenen Augen durchs Leben läuft. Aber nein. Da häufen sich die Hacks, die einen Informationenswert haben, wie der, dass Wasser nicht anbrennen kann. Die werden dann geliked und gepinnt, was das Zeug hält. Und wenn man auf der Suche nach wirklich Sinnvollem ist, kommt man aufgrund der Menge nichtssagender Tipps nicht wirklich zu einem Ergebnis.

Das macht mich schon nachdenklich. Bereiten Schule und Elternhaus den Nachwuchs wirklich so gar nicht mehr aufs Offline-Leben vor? Die jungen Leute verstehen nicht, warum wir so ein Aufheben um „Privatsphäre“ machen und wie wir uns überhaupt ohne Internet treffen und verabreden konnten. Heute lebt man online. Immer erreichbar, alles digital.

Ich lebe auch online. Keine Frage. Ich kaufe eBooks, was Wald und Geldbeutel schont, ich hole mir Informationen aus dem Netz, die ich brauche, ich schreibe auch E-Mails, knüpfe Kontakte … Ich könnte mir das Netz nicht mehr wegdenken. Was das angeht, bin ich immer up to Date und habe so manches überflüssige technische Spielzeug … nur eben nicht auf 24 Stunden-Standby.  Ich möchte noch die wahre Welt wahrnehmen. Nicht nur die technischen Illusionen. Da muss ich automatisch an diese tolle Bierwerbung denken, wo auf eine kleine Insel in einem schönen See gezoomt wird. Schade nur, dass es dieses Kleinod in Wirklichkeit nicht gibt …

 

Darum schalte ich ab. Regelmässig. Im wahrsten Wortsinne. Geräte aus. Alle! Auch den Router. Wenn’s dringend ist, habe ich Festnetz. Leben pur, ohne Smartwatch mit Pulsmesser. Ich bin ich. Ich nutze das Internet und nicht andersrum.

Gestern musste ich eines meiner technischen Spielzeuge zur Reparatur in einen Computerladen bringen. Da ich einem guten Freund zum Geburtstag einen Füllhalter kaufen wollte, wagte ich den freundlichen jungen Mann zu fragen, ob es hier in der großen Stadt irgendwo einen Schreibwarenladen gäbe.

Er sah mich mit großen Augen an: „Schreiben? So richtig „old School“ – mäßig, mit der Hand?“

Genau das wollte ich. Er war fassungslos. Ich irgendwie auch. Gut, die meisten Menschen werden nicht mehr viel händisch schreiben müssen, oder wollen. Ein paar gibt es aber doch. Und so wirklich gar nichts mehr per Hand schreiben, kann ich mir kaum vorstellen. Das ist wie mit Dumbledores Denkarium. Was ich händisch zu Papier bringe, ist aus meinem Kopf. Befreiend. Fast schon ein Therapieersatz in schweren Zeiten. Das funktioniert aber nur händisch und nicht getippt … drei A4 Seiten und ihr habt die schwirrenden Gedanken aus dem Schädel.

Aber auf die Zeiten laufen wir zu. Alles Digital und online. Ohne Ausnahme. Selbst bei der Bank oder den Behörden wird auf Tablets unterschrieben. Digital. Diesen Fortschritt finde ich sogar gut. Dennoch: Ich glaube, es ist geradezu zwingend für unsere geistige und körperliche Gesundheit zurück zu den Wurzeln zu kommen. Dinge mit den eigenen Händen und dem eigenen Kopf zu erledigen. Und vor allem: Manchmal wirklich unerreichbar zu sein!

So haben die Schweden zum Beispiel herausgefunden, dass schon nach 72 Stunden Nichtstun irgendwo in der schönen grünen Wildnis, ohne Kontakt nach außen, der Stresspegel um 70% fällt (hier). Das nenne ich mal einen Lifehack. Der darf auch gerne gepinnt und geliked werden. Offline is the new Luxury …

Das hätte euch Oma aber auch verraten können! Billiger als irgendeine Studie …

(Oha, Studie … da könnt ich wieder mal einen ganzen Roman drüber schreiben. Wer Lust hat, googelt mal, was die Studie gekostet hat, um aus dem roten Arbeitsamt „A“ ein weißes zu machen … ach nee … heißt ja jetzt „Jobcenter“)

So … das wollte ich unbedingt mal loswerden! Und jetzt schalte ich ab! Im Doppelwortsinne!

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