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Posts Tagged ‘Maasholm’

Eigentlich wollte ich ja schon längst weg sein. Auf großer Kräutertour… das Wissen unserer Mütter sammeln. Wer diesen Blog verfolgt, hat allerdings auch alle Steine kennengelernt, die mir in den Weg gerollt wurden. Das waren zum Einen die ewigen Ausfälle meines nagelneuen Hobby Wohnmobils, zum Anderen aber auch private Hindernisse.

Jetzt ist es einigermaßen startklar (nur die Heizung ist nicht so ganz in Ordnung und die maroden Drehsitze werde ich wohl nie ersetzt bekommen) und dann musste mein Papa ins Krankenhaus. Zum Glück nichts Schlimmes, wohl aber in der Mobilität (seiner) sehr beeinträchtigend. Also irgendwas ist immer. Ihr kennt das sicher.

 

Darum bin ich einfach losgefahren. Ja, es werden, wie im letzten Jahr auch, zunächst sicher wieder nur kleine Mehrtages – Etappen werden, bis sich die Situation mit meinem Vater geklärt hat.

 

Ich nutze die Zeit und besuche die schönen Orte, die im Sommer sicherlich mehr als überlaufen sind. Mein erster Anlaufplatz ist ein traumhafter Stellplatz in Maasholm:

 

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Maasholm – auch bei trübem Wetter eine Reise wert

 

 

Ich dachte, um diese Zeit wäre hier kein Mensch. Da irrte ich mich aber gewaltig. Es stehen schon einige Wohnmobilsten hier, die ebenfalls den wunderbaren Meeresstellplatz (ja, für alle die, die es nicht wissen: die Schlei ist ein Fjord und kein Fluss!) genießen. Direkt am Wasser stehen, erstklassige, penibel saubere Sanitäranlagen und ein spitzenmässiges Bistro, direkt am Yachthafen. Die Inhaber haben ein Herz für Wohnmobilisten und geben gern ihren leckeren Cappuccino mit samt Tasse ab, schlicht darauf vertrauend, das es wiederkommt, das Porzellan. Ohne Pfand…

Aber es soll hier ja nicht vorrangig um Stellplätze gehen. Sondern um Kräuter und Wildgemüse. Da hab ich mir vor Jahren schon Maasholm auf die Wunschliste geschrieben, denn hier gedeiht ein Kraut, das ich besonders mag, in üppigen Mengen… und das sollte gerade jetzt im März Erntezeit haben…

 

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Das leckerste Wildgemüse Maasholms – noch sehr zurückhaltend

 

Nein, das ist keine wundersame Tentakel eines außerirdischen Wesens – normaler Weise sollten aus den dunklen Knospen bereits wunderbare krause tief violette oder auch schon sattgrüne Blätter gesprossen sein. Hier erwartete ich ungeduldig die zarten jungen Triebe des Meerkohls (Crambe maritima).

Wie es aussieht, muss ich auch noch länger warten. Die Wetterkapriolen machen nicht nur dem Kulturgemüse zu schaffen. Obwohl er auch das schon war, der Meerkohl, ein Kulturgemüse. Zu viktorianischen Zeiten heiß gehandelt. Sein Geschmack hat etwas Haselnussähnliches mit leicht bitterer Note. Also bevorzugt frische Schosse und gebleichte Stellen verwenden. Leider wurde er übermässig geerntet und ist in seinem Bestand sehr zurückgegangen. Darum ist die Ernte vielerorts verboten. Zum Glück ist er auch in Kräutereien zu bekommen und wächst dann prächtig gut und gern 12 Jahre für euch. Der Strunk dort oben ist etwa unterarmdick (schlanke Unterarme, nicht meine.. 😉  ).

Sein Nährwert lässt sich sehen. Neben einem hohen Mineralstoffgehalt wartet er auch mit reichlich Vitamin C auf, was ihn bei den Seefahrern zu einem beliebten Reisebegleiter machte.

 

Gut, das war nichts. Noch nicht. Aber man kann ja wiederkommen. Doch schauen wir erst mal, ob hier nicht noch was wächst und siehe da, das tut es:

 

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Strandbeifuß

 

Der Strandbeifuß treibt aus. In diesem Zustand ist er lecker auf Butterbrot. Da braucht man ja auch nicht die Mengen. Selbstverständlich kann man ihn auch wie seinen großen Bruder, den gemeinen Beifuß, zum Räuchern, bei Ritualen und zum Putzen seiner Glaskugel benutzen (tatsächlich wurden Kristallkugeln zum Hellsehen damit abgerieben. Vielleicht sollte man sein Tarot in Beifuß wickeln?).

Für Heilzwecke würde ich mit dem Ernten noch ein wenig warten. Hier punktet der Beifuss mit den ätherischen Ölen und die brauchen nun einmal Sonne. Um die Sonnenwende bis in den August wären da die Erntezeiten, auf alle Fälle jedoch vor der Blüte.

Insgesamt ist dieser zarte Vertreter der Artemisien sanfter. Auch im Aroma. Nicht ganz so bitter, wie der große Bruder. Daher nimmt man ihn auch als Geschmacksgeber im Wumken.

Aber nicht nur mein geliebter Beifuß lässt sich schon sehen. Auch ein Gemüse, dass wir eher im Asialaden oder Reformhaus kaufen, vor allem wenn es aus Japan kommt: Algen.

Bah, nee… jetzt mal nicht die Nase rümpfen. Warum in die Ferne schweifen? Warum glaubt ausgerechnet jeder Deutsche, daß das, was bei ihm wächst, giftig ist? Und so wird für Algen oder Goji-Beeren (welche bei uns Unkraut sind) gern viel Geld ausgegeben. Algen aus unseren Gewässern? Na wer will, kann natürlich weiterhin getrocknete Wakame aus Japan holen… Aber ich glaube kaum, das die weniger bedenklich sind, nach dem da alles „strahlt“…

 

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Vegan aus dem Meer – zu jeder Zeit vorrätig

 

Algen haben als Lebensmittel eine lange Tradition. Sie sind sehr nahrhaft und überaus mineralsstoffreich. In England stehen sie noch auf dem Speiseplan. Hier werden sie so geschätzt, daß manch Schafbauer die gute Ware extra vom Strand klaubt, um seinen Tieren mit der Zufütterung derselben etwas Gutes zu tun. Hier kennt kaum jemand ihren Wert auf dem Speiseplan, obwohl ich neulich auf dem Markt beim Fischhändler tatsächlich einen schmackhaften Algensalat bekommen habe.

Was mich angeht, so ess ich Algen in der richtigen Dosis recht gern. Die grüne Alge vom Markt war mit scharfem Dressing angemacht und schmeckte lecker. Unsere heimischen Algen schmecken intensiv nach Meer, mir manchmal schon zu intensiv. Von daher dosiere ich vorsichtiger. Der Geschmack darf nicht dominieren. Algen sind übrigens nicht giftig. Aber natürlich können sie, wie jedes Gemüse, einen nicht mehr zum Verzehr zu empfehlenden Zustand haben. Darum bitte immer pflücken und nicht einfach vom Strand sammeln. Die obersten frischen grünen Spitzen. Alles Andere wird ein bisschen zäh.

Wer das jetzt einmal probieren möchte, dem lege ich ein Wildgemüsebuch ans Herz, das nun nicht das gefühlt tausendste Bärlauchpesto im Repertoire hat, sondern mit erfrischend neuen Rezepten kommt. Eben auch für Alge. Für das vorsichtige Rantasten an das „Superfood“ (ich hasse eigentlich diese neuen Wortschöpfungen und werbewirksamen Schlagworte, aber hier trifft es wirklich zu), empfehle ich das zur Zeit im Handel für den halben Preis erhältliche

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wild kochen von Anette Eckmann.

 

Wer mal wieder frische Wildgemüserezepte sucht, ist hier definitiv richtig. Das Buch ist liebevoll aufgemacht und eben ein bisschen anders: dänisch, einfach, lecker! Oder: dänisch – einfach lecker!

Für den Anfang empfehle ich das Algenknäckebrot. Das hat mir besonders gut gefallen. Oder den Hagebuttenketchup. Aber den gibt es erst später im Jahr.

 

Ihr seht, auch wenn ihr noch nichts seht, in der Natur ist immer etwas da. So gibt es ganz besondere Schätzchen, auch an diesem Plätzchen:

 

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Wilde Möhre

 

Die etwas ruppig aussehenden Samenstände der wilden Möhre sind zu dieser Zeit ihr bestes Erkennungszeichen: Sie ziehen sich zu einem Nest zusammen. Wenn ihr die trockenen Blütenstände pflückt und euch die Mühe macht, sie auseinander zu pulen, kommt ihr auf die Samen der wilden Möhre und damit auf eine Möglichkeit der ganz feinen Küche.

Die von den trockenen Hülsen befreiten Samen quetscht ihr im Mörser (oder Unterwegs mit der breiten Seite eines Küchenmessers) einfach mal an. Sofort habt ihr einen zarten, sehr aromatischen Duft in der Nase. Natürlich kann man auch das ätherische Öl kaufen, aber ist die wilde Ernte nicht viel spannender?

Wenn ihr mal reinschnuppert, habt ihr sofort verschiedene Süßspeisenvariationen vor Augen. Und genau dafür könnt ihr die wilde Möhre nehmen. Wenn der Blütenstand noch nicht ganz so dröge ist, wie hier, sondern noch Grün aufweist, könnt ihr ihn so wie er ist, z. B. in Milch oder Sahne legen und diese über Nacht aromatisieren. Um diese Zeit im Jahr, solltet ihr schon die kleine Mühe auf euch nehmen und alles Vertrocknete herauslesen.

So… und nun ist riechen und schwelgen angesagt. Der Duft umhüllt einen, wie die Arme einer liebenden Mutter! Düfte sind Geschmacksache, aber dieser würde sich auch in einem Parfum gut machen. Er erdet, er wärmt und streichelt die Seele. Irgendwie zeigt das ja schon die Form des Samenstandes: geborgen in einem Nest!  Die Hexlein unter euch können sie natürlich auch räuchern, aber mir persönlich ist in diesem Fall der Duft des Öls angenehmer. Die Wilde Möhre gibt uns in dieser hektischen Zeit, in der alte Werte scheinbar nichts mehr gelten, wieder eine Mitte, einen Halt. Nach Kalbermatten zentriert sie unsere Bewusstseinskräfte. Also auch wieder ein „Zur-Mitte-Kommen“, ein „Wurzeln“.

Dieser kleine Teelöffel voll Samen kann dir zwar den Moment und die Nachspeise versüßen, wenn du die positiven Eigenschaften der wilden Möhre gezielt einsetzen willst, musst du dir das ätherische Öl aber kaufen. Natürlich kannst du auch damit eine Schnupperorgie machen, ich nutze es jedoch gern in pflegender Kosmetik. Ein wahres Tonikum für die Haut, egal ob anspruchsvoll oder aknegeplagt. Auch wer Verführung im Sinn hat, könnte es in einem Massageöl verwenden. Es ist ein Phytopheromon (Sexuallockstoff, der dem menschlichen ähnelt) und wirkt hormonell ausgleichend. Es findet seinen Einsatz daher auch bei Menstruationsstörungen und PMS, oder generell bei Drüsenproblemen (nach Wabner). Die kleine Wilde unterstützt nicht nur die Haut, sondern auch die Leber. Wobei sie doppelt punktet, denn gerade Leberprobleme machen sich oft über die Haut bemerkbar. (Vor der inneren Einnahme des ätherischen Öls sei aber an dieser Stelle nochmals gewarnt. Solche Dosierungen gehören in die Hand einer Fachfrau! Liebe Fachmänner, nicht schmollen, ich weiß, dass es euch auch gibt, aber ich glaube, hier sind die Frauen in der Überzahl).

Man könnte wieder mal einen ganzen Bericht dieser spannenden, wenn auch unscheinbaren Pflanze widmen. Und natürlich wartet ihr wieder auf Rezepte. Dieses Mal möchte ich mich dafür in den Hintergrund zurückziehen und auf den wundervollen Beitrag von Eliane Zimmermann verweisen. Mehr Wilde Möhre geht nicht.

Ihr müsst also nicht Hormocenta* oder Placentubex für die Gesichtspflege nehmen, es geht auch wunderbar vegan!

Für die Jüngeren unter euch: Früher war es durchaus auch üblich, die menschliche Plazenta zu verwerten, besonders in Hautcremes. Von den wertvollen Inhaltsstoffen her verständlich… Später hat man meines Wissens Tierische genommen. Die Generation meiner Mutter hat darauf geschworen. Ob Hormocenta das auch gemacht hat, kann ich nicht sagen, der Name legt es fast nahe und es wurde von vielen behauptet. Heutzutage findet sich jedenfalls keine Plazenta in den Cremes. Ich weiss aber, das einige Hebammen noch Proben zur Weiterverarbeitung zu homöopathischen Globuli nehmen.

So… liebe Grüße also aus Maasholm! Es lohnt sich wirklich, diesen malerischen Ort einmal zu besuchen. Ja, auch der Ort ist wunderschön. Und jetzt wisst ihr ja auch, nach was ihr Ausschau halten könnt, wenn ihr auf Kräutersuche seid.

 

*  in der derzeitigen Rezeptur werden lt. Deklaration keine menschlichen oder tierischen Produkte verwendet.

 

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