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Gegen die Panikattacken

Die Bemerkung des Kieler Arztes, man müsse sich nur der Angst stellen, um sie zu überwinden, ließ mich grübeln. Wenns hilft, mach ich alles! Das wird wohl jeder Paniker nachvollziehen können. Aber wem oder was stelle ich mich, bei scheinbar grundloser Panik? Ich hab keinen Auslöser. Die Attacken treffen mich scheinbar so völlig wahllos, dass ich keine Idee hab.

Naja, ich hatte tatsächlich schon einmal eine ganz Abstruse: Da ich meistens die Uhr nach stellen konnte (abends um 19:00 Uhr gehts richtig los) und da die körperlichen Reaktionen so auftraten, als würde mir jemand einen Strohhalm zwischen die Schulterblätter stechen und mir den Lebenssaft aussaugen, hatte ich sogar schon überlegt, ob mich jemand verflucht oder verzaubert hat, ob es Dämonen sind…

Nein, nein… ich bin nicht verrückt geworden. Ich sagte ja schon, jemand, der das noch nie erlebt hat, wird es nicht nachvollziehen können und du hältst dich an jeden Strohhalm, du suchst verzweifelt nach allen Möglichkeiten, so absonderlich sie auch sein mögen.

 

Ich hatte mittlerweile ein paar Ausweichhandlungen, die so eine Attacke manchmal im Keim ersticken konnten. So z. B. eine Autofahrt (weil mein Wagen einen heizbaren Sitz hatte), ein Wannenbad oder eine Tiefenentspannung von CD (Rüdiger Dahlke). Mich selbst in tiefe Entspannung zu bringen, löste seltsamer Weise eine Attacke aus. Aber einer CD konnte ich gut zuhören.

Da ich den Angstauslöser nicht kannte, wollte ich es nun anders herum versuchen. Ich überlegte, an was mich meine Panik hinderte. Ich ging z. B. gar nicht mehr aus dem Haus, ich hatte (neuerdings) Angst vor Schiffen, Brücken und Tunneln. Mir brach der Schweiß in Fahrstühlen aus. Ich konnte keine Pilze mehr sammeln und Essen, weil ich mir trotz jahrzehntelanger Erfahrung nichts mehr zutraute, mir nicht, und meinem Körper nicht.

Also Konfrontation – das hat der Arzt ja gesagt. Er meinte auch noch, dass die Attacken nur abends kämen, wenn ich zur Ruhe komm, würde auch darauf hinweisen, dass sie keine organischen Ursachen haben. Abends wäre so die Nervenzeit…

Ich meldete mich zu einem Motorbootführerschein an. Abends (im Dunkeln), an der See (1 Stunde Fahrt), ein Boot führen können (ich kann auch nicht einparken – Boot ist noch schlimmer) unter fremden Leuten…

Im Urlaub wurden Tunnel und Fähren genutzt…

Ich kaufte mir ein Boot…

 

Anfangs wurde ich in jedem Tunnel still und griff die Hand meines Mannes. Auf Fähren stand ich draußen, so gut es geht am Rettungsboot, egal wie das Wetter war. Bei einer Urlaubsfahrt nach England schrieb ich auf der Fähre dreimal mein Testament…

 

So hab ich mich zurück ins Leben geschlichen. Tatsächlich wurden die Attacken etwas weniger…

 

Irgendwann sagte dann einmal H.-P. Zimmermann, den ich sehr schätze, aber der schon irgendwie extrem ist, in einem Podcast: “ … oder wie Frauen, die ihre Panikattacken nur bekommen, um die Aufmerksamkeit ihres Mannes zu erhalten…“

 

Na, da war ich erstmal sauer. Ja, am Anfang dieses Schreckens hatte ich ihn wirklich permanent angerufen. Aber nachdem ich 1000 Mal doch nicht gestorben bin, hab ichs gelassen. Meist weckte ich ihn gar nicht mehr Nachts, wenn es losging und Tagsüber bin ich einfach rausgegangen und im Wald verschwunden.

Nach diesem Kommentar, der mich echt geärgert hat, beschloss ich, Attacken noch mehr zu verstecken. Wenn da ein Körnchen Wahrheit drin ist, dann sollen sie mal sehen, diese blöden Attacken. Immer wenn es mich nun überfiel, schlich ich mich von dannen und machte es mit mir allein aus.

 

Tatsächlich ging das irgendwann so weit, dass ich es teilweise selbst ignorieren konnte. Ich stellte mich hin und sagte mir: „Was soll der Scheiss? Wenn ich jetzt sterben soll, dann bitte gleich, ist auch egal, aber nicht mit so einer Show vorher, sieht doch keiner!“

Wenn es mir gelang, ruhig zu bleiben und mit der Haltung: „Sterben ist auch egal“ da hineinzugehen, verging der Attacke scheinbar die Lust. Ich muss aber auch zugeben, dass man das nicht immer hinbekommt. Meine ganzen Taktiken waren alles nur Krücken und beseitigten allenfalls das Symptom.

Eine Freundin gab mir da tatsächlich noch einen wichtigen Schlüsselsatz mit auf den Weg: „Du musst dich nicht wundern, dass du Angst kriegst“, sagte sie, du entscheidest ja über gar nichts. Du entscheidest nichtmal über das Mittagessen… wer über gar nichts mehr entscheidet, der hat keine Macht mehr und wer sich machtlos fühlt, hat Angst…“

Oh wie wahr…

In dieser Zeit ging es uns wirklich so gut, dass mein Haushalt mit Kindermädchen und Putzfrau lief. Ich entschied nichts… Ich wurde von der Putzfrau als lebendes Inventar mit abgestaubt. Wenn einem das Leben so durch die Finger fließt, muss man sich wirklich nicht wundern.

Das Schicksal war wohl der gleichen Meinung und riss mir als mein Hab und Gut unterm Hintern weg. Plötzlich stand ich alleinerziehend mit drei Kindern und arbeitslos auf der Straße.

Hier musste ich sie nun wieder übernehmen, die Verantwortung für mein Leben und nicht nur für meins… Allein ein Telefon auf meinen EIGENEN Namen anmelden, machte mir irre Angst. Ich dachte ich  spinne, als ich damals auszog, in meine erste kleine Wohnung, da war ich stolz auf Telefon und Mietvertrag und nun macht mir das Angst?

Wer Kinder hat, kann sich leider nicht fallen lassen, ich musste mich da durchbeißen und ich biss mich durch…

Ich glaube in dieser Zeit hatte ich oft keine Zeit für Attacken. Aber sobald ich ein bisschen zur Ruhe kam, nutzten sie die Zeit und überfielen mich mit Gewalt. Oft griff ich hier wieder zu meiner beruhigenden Teemischung, aber so konnte es doch wirklich nicht weitergehen!

Diese schwere Zeit, in der ich jeden Cent viermal umdrehen musste, hat mich tatsächlich einen großen Schritt weitergebracht. Aber es war wohl nur ein Stups in die Richtung. Los war ich die Attacken immer noch nicht. Ich hatte das Gefühl, dass ich manchmal nur „halbe Attacken“ hatte, indem ich über Tage einen hohen Puls mit mir rumschleppte… und dann waren noch diese Herzschlagaussetzer… irre ängstigend, vor allem wenn diese Schlagpause etwas länger dauerte und der nächste Schlag dann heftig kam.

Ich raste wieder zum Arzt. Dieses Mal zu einer Ärztin. Die erklärte mir, dass mein Herz ok, wäre, die „Extrasystolen“ nicht schlimm und das ich halt ein bisschen arg nervös wäre. Sie verschrieb mir ein Beruhigungsmittel, das nicht abhängig mache.

„Nervös“… da dachte ich drüber nach. Tatsächlich lief ich rum wie ein Tiger im Käfig, fühlte mich gespannt. Ist „nervös“ sein so? Unruhe, hoher Herzschlag? Wenn ich darüber nachdenk, war ich schon immer irgendwie der „nervöse Typ“, schon als Kind – hibbelig, aufgeregt, ja und so fühlte ich mich da auch.

Ok – nervös… das hörte sich nicht ganz so gefährlich an. Natürlich war mir klar, das das als Dauerzustand auch nicht gesund sein kann.

Nachdem ich über mein „harmloses Medikament“ recherchiert hatte, musste ich feststellen, dass auch dieses eine Art Abhängigkeit verursacht. Zwar nicht die Substanz an sich, aber nach dem Absetzen ging es den Menschen schlimmer, als vorher. Logisch eigentlich, es löst ja nicht mein Problem.

 

Ich stellte Ernährung und Kräuter auf nervenstärkende Vertreter um. Hafer, Zitronenmelisse, Lavendel… und wieder Zitronenmelisse, weil sie auch herzstärkend und blutdrucksenkend wirkt, eine blutdrucksenkende Kräuterkur über drei Wochen und immer wieder mal Melissentee und Melissenbad. Manchmal den balsamischen Melissengeist von Weleda. Meine Herzschlagaussetzer, so stellte ich fest, konnte ich mit meiner Chiropraktorin lösen. Durch die Nervosität und Angst war ich dermassen verkrampft, dass ich wohl irgendwie auch die Nerven zum Herzen hin mit belastete. Wenn mich die Chiropraktorin einmal „graderückte“ fühlte ich mich zwar noch einen Abend wie verprügelt, aber danach ging es mir wirklich gut. Die Extrasystolen waren fast verschwunden.

Insgesamt konnte ich beobachten, dass die Attacken immer dann häufiger wurden, wenn meine Gedanken um meine desolate finanzielle Lage kreisten und das taten sie in dieser Zeit oft. Ich versuchte also verstärkt Entspannungstechniken einzusetzen.

 

Tatsächlich nahmen meine Attacken mit dem Zunehmen meiner Finanzen allmählich ab. Da ich immer noch ein bisschen kämpfe, bin ich sie noch nicht ganz los. Ich weiß auch nicht, ob man so etwas jemals wieder los wird. Die Attacken haben sich auf leicht erhöhten Blutdruck und Puls zurückgezogen. Da das auch kein Dauerzustand sein darf, bin ich jetzt da dran. Ich jogge (wie in den vorherigen Beiträgen erzählt) und nehme immer noch, abwechselnd und nur ab und zu, meinen Sch. – egal-Tee, Melissentee, viel Hafer und übe mich in Yoga und Meditation. Da ich dabei langsam abnehme, dürfte ich insgesamt auf einem guten Weg sein.

Die letzte Attacke ist mittlerweile etwa zwei Jahre her (aufholzklopf). Natürlich möchte ich diesen Status halten, noch mehr zur Ruhe kommen und sportlicher/gesünder werden. Das ist mein Weg, ich denke, es ist kein schlechter. Es kann schließlich nicht der Weg sein, dieses Problem mit dickem Geldbeutel zu kurieren, das würde abhängig machen, ich muss einfach irgendwie Gelassenheit und Zuversicht gewinnen. Und das passiert zunehmend.

 

Im Nachhinein möchte ich wirklich behaupten, dass der Ausbruch der Attacken durch mein sinnloses Driften durchs Leben, gepaart mit Existenzängsten, verursacht wurde. Hinzu kamen Verluste von lieben Menschen und dann auch den Verlust meiner Existenz. Einmal meinte ein Arzt sogar, es wäre eine „posttraumatische Belastungsstörung“, also die nachträgliche körperliche Reaktion auf ein traumatisches Ereignis. Das kommt bei mir tatsächlich auch dazu. Ich habe in einem Jahr meine Mutter, ein Kind und meine Existenz verloren. Wäre ich nicht zum Paniker geworden (die Panik fing seltsamer Weise aber vor diesen Verlusten an), hätte ich möglicher Weise zu Alkohol oder Drogen gegriffen.

Obwohl ich relativ deutlich die Auslöser sehe, ist das Problem damit nicht automatisch gelöst. Ja, ich hab sogar nochmals versucht, einen Psychologen hinzuziehen. Da die Psychologin allerdings auch bei meinem dritten Besuch regelmässig einschlief, mich mit falschem Namen ansprach und nicht wußte, warum ich überhaupt da war, gab ich das auf. Vielleicht muss ich da wirklich ganz alleine durch. Vielleicht ist ein „Hilf dir selbst“ wirklich eine der besten Therapien.

Inzwischen habe ich eine nette Gruppe kennengelernt, deren Lebensziele den meinen gleichen. Hier fühle ich mich gut. Es ist heilsam, mit Gleichgesinnten zusammen zu sein. Ich habe also inzwischen fast alle Faktoren zur Gesundung zusammen:

  • gesunde Beziehungen
  • Freundschaften
  • Familie
  • Sport
  • gute Ernährung (nicht immer ganz so gesund)
  • eine Aufgabe
  • eine Aufgabe
  • eine Aufgabe

 

Ja, die Aufgabe halte ich für oberwichtig. Du musst das Gefühl haben, dass du hier einen wichtigen Platz auf diesem Planeten hast. Das muss nichts medienträchtiges sein. Vielleicht hilfst du „nur“ kleinen Seelen in die Welt, als Hausfrau und Mutter. Aber damit legst du einen wichtigen Grundstein. Vielleicht hast du „nur“ ein offenes Ohr für deine Mitmenschen, vielleicht bist du „nur“ Sänger und schickst mit deinen Liedern Freude in die Menschenherzen. Es gibt keine besseren oder schlechteren Aufgaben.

Ich glaube, wenn du irgendwann herausfinden kannst, was deine Aufgabe ist, wird deine Seele so gesunden, dass dein Körper folgen kann.

 

 

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